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Tarifverhandlungen im Einzelhandel

Tarifverhandlungen im Einzelhandel geralt - pixabay.com

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POS Kompakt 05/2015

Kosten rauf, Ertrag runter? Wege aus der Misere. Alle Jahre wieder treffen sich die Tarifparteien des Einzelhandels um die neuen Rahmenbedingungen der Entlohnung festzulegen. Die Einigung in diesem Jahr gestaltet sich schwierig. In vielen Bundesländern wurde bereits nach zwei bis drei Tarifrunden im Juli ein Abschluss erzielt, Nordrhein-Westfalen als bevölkerungsreichstes Bundesland schaffte es – gerade rechtzeitig zu dieser Kolumne – erst in der fünften Tarifrunde, eine Einigung zu erzielen.

Ausgedehnte Streiks begleiteten die Einigungsbemühungen und belasteten den Einzelhandel stark. Die Abschlüsse bewegen sich mit ca. 2,5 Prozent in diesem und weiteren 2 Prozent im nächsten Jahr in etwa auf dem Niveau der Vorjahre (LT: Geschäftsbericht des HDE 2014: 2,1 Prozent und 2013: 3 Prozent). Dem – auf den ersten Blick – moderaten Entgeltabschluss steht laut statistischem Bundesamt im Rumpfjahr 2015 ein Preisanstieg im Einzelhandel von durchschnittlich lediglich 0,328 Prozent entgegen. Das heißt, die Mehrkosten im Bereich der Beschäftigung kann der Einzelhandel nicht an seine Kunden weitergeben. Hinzu kommt die Einführung des Mindestlohns. Selbst wenn die festangestellten Kräfte im Einzelhandel schon vor Einführung des Mindestlohns über dem Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde lagen, so betrifft der Mindestlohn das große Heer an Minijobbern, die im Handel für die Verräumung der Waren und die Regalpflege eingesetzt werden. Hier gilt der Tarifvertrag, den der Verband Instore und Logistik Services mit der Gewerkschaft DHV geschlossen hat. In der untersten Tarifgruppe verdiente man dort in Hessen 6,63 Euro je Stunde, nach Einführung des Mindestlohns beträgt die Entlohnung für reine Verräumtätigkeiten in dem zwischen dem HDE und ver.di ausgehandelten Tarifvertrag nun mindestens 9,74 Euro. Durch die gestiegenen Kosten pro Arbeitsstunde müssen die Arbeitszeiten bei den Minijobbern gesenkt werden, damit die Obergrenze von 450,00 Euro pro Monat Bestand hat. Die Folge: Händler, wie z.B. die EDEKA Hessenring, müssen ca. 10 Prozent mehr Minijobber einstellen. Andere Händler gehen den umgekehrten Weg. Statt weiterer Minijobs schaffen sie neue versicherungspflichtige Arbeitsplätze. Für die Händler kann dies sogar der günstigere Weg sein, da Minijobs pauschal vom Arbeitgeber mit 30 Prozent versteuert werden. Im Gegensatz dazu zahlt der Arbeitgeber bei niedrigen Tarifgruppen nur ca. 20 Prozent Lohnnebenkosten, weitere 20 Prozent trägt der Arbeitnehmer. Wie man es dreht und wendet, die Belastung im Handel ist gestiegen, eine Weitergabe der Kosten an den Kunden ist schwierig. Wenn also die Umsätze nicht steigen (lt. Statista seit 2013 im Einzelhandel stabil bei 165,1 Mrd. Euro), dafür aber die Kosten anziehen, dann bleibt der Ertrag auf der Strecke, es sei denn, der Handel kompensiert die gestiegenen Kosten durch Optimierung seiner Prozesse.

Ein gutes Beispiel, wie man in wirtschaftlich schwierigen Zeiten intelligent Kosten sparen kann, zeigt der britische Handelsriese TESCO*. Dieser ist in den letzten Jahren zusätzlich unter starken Druck der beiden deutschen Discounter Aldi und Lidl geraten. Neben vielen anderen Aktivitäten hat TESCO sich auch mit seinen Filialprozessen auseinander gesetzt.So wurde insbesondere der sogenannte „Rumble“ auf den Prüfstand gestellt. „Rumble“ bedeutet bei TESCO, dass in jeder Filiale mindestens einmal am Tag alle Mitarbeiter an die Regale gehen und die Ware vorziehen um für den Shopper wieder ein attraktives Warenbild zu erzeugen. TESCO veranschlagt für den Rumble jährlich ca. 64 Millionen britische Pfund, die tatsächlichen Kosten lagen aber in etwa beim Vierfachen. TESCO beschloss daraufhin, das Vorziehen der Ware zu automatisieren und die „Rumbles“ während der Öffnungszeiten komplett zu streichen. In einem großangelegten Projekt wurden verschiedenste „Front-Facing“ Technologien, wie z.B. Warenrutschen und Warenvorschübe erprobt. Die ersten Ergebnisse, z.B. in der Tiefkühlung zeigen, dass die Investition in die neue Technologie sich binnen eines Jahres amortisiert hat und bereits einen positiven Beitrag zum Ergebnis leistet. Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei TESCO auf der Optimierung der Warenverräumung. Durch eine Umgestaltung der Transportverpackung (der sogenannten Trays) soll zukünftig in vielen Bereichen das sogenannte „Cartridge-Refilling“ eingeführt werden. Durch eine Perforation der Tray-Rückseite kann die Ware aus dem Tray einfach in den Warenschacht gedrückt werden. Das Vereinzeln der Ware entfällt, beim Einsatz von Warenvorschüben entfällt darüber hinaus das Vorziehen der Ware.

Einen ähnlichen Weg haben die Konsumgüterriesen Nestle und Unilever eingeschlagen. Bereits seit 2013 bzw. 2011 liefern die beiden ihre Fixe in modifizierten Transportverpackungen (sogenannten Systemtrays) aus und helfen so den Händlern, die Kosten für die Regalpflege eklatant zu senken. Selbst wenn der Verräumaufwand gegenüber herkömmlichen Trays minimal gestiegen ist, so profitiert der Handel überproportional vom vollautomatischen Vorschub der Ware im Tray; ein Vorziehen der Ware entfällt gänzlich. Ein weiterer positiver „Nebeneffekt“: Dadurch, dass die Ware sich immer im besten Sicht- und Griffbereich befindet, ergeben sich auch noch positive Einflüsse auf den Absatz der Produkte. Viele deutsche Händler sind mittlerweile dem Beispiel der beiden Marktführer gefolgt und haben die Verpackung für ihre Eigenmarken ebenfalls modifiziert. Mit ca. 13 Prozent stellen die Arbeitskosten nach dem Wareneinsatz mit ca. 71 Prozent den größten Kostenblock im Einzelhandel dar. Es werden in Zukunft die Händler besonders erfolgreich sein, die durch den Einsatz von Technik Freiräume für das Personal schaffen können. Die Shopper werden es ihnen danken! In diesem Sinne: Happy Shopping!

Oliver Voßhenrich, Geschäftsführer und Category Manager, POS TUNING

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*siehe auch: http://www.groceryinsight.com/blog/2014/02/news-a-very-interesting-tescoreplenishment-development

 

 

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